Geschichte

Karl-Heinrich Schweinsberg
Karl-Heinrich Schweinsberg
1932

fehlte dem damaligen Kantor Karl-Heinrich Schweinsberg ein Chor. Was man sich heute kaum vorstellen mag: Es gab schon vier (!) Kirchenchöre in der Gemeinde, und noch einer war selbst damals überflüssig. Er gründete am 17. Februar 1932 seinen eigenen, die "Evangelische Singgemeinde". Zunächst fanden sich nur zehn Frauen. Offenbar war die Gründung mit einigen Scherereien verbunden, denn die etablierten Chöre sicherten sich das Recht, in den Hauptgottesdiensten zu singen.

Der Name "Evangelische Singgemeinde" zeigt, dass Schweinsberg andere Ziele verfolgte als ein reiner Gottesdienst-Gestaltungschor zu sein. "Singgemeinde" nannten sich die Chöre, die aus der Singbewegung des Volksliedforschers Walter Hensel, dem Gründer des "Finkensteiner Bundes", hervorgegangen waren. Der Finkensteiner Bund förderte das Laienmusizieren und brachte als Bärenreiterverlag (der heute noch besteht) Notenmaterial heraus. Die evangelische Kirchenmusik erhielt durch diese Bewegung um 1925 eine grundlegende Erneuerung. In Berlin wurde eine evangelische Schule für Kirchenmusik gegründet, in der u. a. Hugo Distler als Dozent und Ernst Pepping als Direktor wirkten. In diese Zeit fiel die Neuentdeckung zahlreicher Werke von Schütz, die im Bärenreiter-Verlag herausgegeben wurden.

Mit

den Aufführungen von drei großen Schütz-Werken, der Matthäus-Passion (Karfreitag 1934), der Deutschen Messe (Bußtag 1934) und der Lukas-Passion (Karfreitag 1935), gelang ein bemerkenswerter Aufstieg des jungen Chores. Die Lukas-Passion wurde sogar deutschlandweit im Rundfunk übertragen. Diese Leistung zeigt, welche großen Fähigkeiten Schweinsberg hatte, mit Laien auf einem hohen Niveau erfolgreich zu arbeiten. Dies war auch der Startschuss für eine beachtliche Reisetätigkeit in die weitere Umgebung. Geblieben ist aus dieser Zeit der Begriff des "Ackchens", d. h. eines gemütlichen Beisammenseins nach der Probe bzw. den Konzerten. Ein entscheidender Einschnitt war 1935 ein Treffen Schweinsbergs mit Hugo Distler. Die Singgemeinde wurde fortan "Hofchor" von Distler und führte viele seiner Werke auf (z. B. als Uraufführung die "Kalendersprüche" 1938 in Bonn). Eine ähnliche fruchtbare Zusammenarbeit von Chorleiter Karl Heinz Mertens und Wolfgang Stockmeier prägte Jahrzehnte später das Konzertleben des Chores. Bis 1943 konnte die Singgemeinde durchaus mit viel Mut "nicht genehme" Werke von damals aktuellen Komponisten aufführen. Dann wurde Schweinsberg zum Wehrdienst einberufen.

Nach dem Krieg entwickelte sich die Singgemeinde zu einem der führenden Chöre moderner evangelischer Kirchenmusik in Westdeutschland. Dies belegen zahlreiche Konzerteinladungen, Auftritte bei Kirchentagen und Rundfunkaufnahmen.

Nach

dem Tod Schweinsbergs übernahm Karl Heinz Mertens 1962 die Leitung, der ein blühendes geistliches Musikleben mit der Einführung von zahlreichen Musikreihen (z.B. "Bachstunde", "Conzerto") in Oberhausen entstehen ließ. Zu seinen Gründungen gehörten auch zwei eigene Orchester ("Concerto" und das Jugendorchester "Concertino"). Weiterhin standen viele Konzerte, Reisen und CD-Aufnahmen auf dem Programm, und der Chor blieb der aktuellen Musik verpflichtet. So erklang 1964 zum 100-jährigen Kirchweihjubiläum der Christuskirche im Gottesdienst ausschließlich Zwölftonmusik.

Die Zeiten haben sich geändert, doch das Bemühen, wie zur Gründungszeit mit Laien im Sinne der damaligen Singgemeinde-Bewegung, qualitativ hochwertige geistliche Musik hervorzubringen, ist bis heute geblieben.

Klaus Müller
Klaus Müller
Auch

unter der Leitung von Klaus Müller in den Jahren 1996 bis 2005 reichte das Repertoire des Chores von der Gregorianik bis ins 21. Jahrhundert. Neben vielfältiger A-cappella-Musik führt die Singgemeinde regelmäßig Werke der großen Chorliteratur auf (etwa die Matthäus-Passion, die h-Moll-Messe oder das Weihnachtsoratorium von Bach oder den Paulus von Felix Mendelssohn Bartholdy).

Hinzu kommen besondere Aktionen und Veranstaltungen wie 2005 das Projekt mit dem Polnischen Kammerchor zur Gedenken an das Kriegsende. Dazu gehörten Auftritte im Danziger Raum, eine Gedenkveranstaltung im KZ Stutthoff und gemeinsame Konzerte im Ruhrgebiet.

Seit

August 2005 ist Konrad Paul Leiter der Singgemeinde. Ihm ist es ein Anliegen, sowohl anspruchsvolle a-capella-Musik als auch chorsinfonische Werke in einer transparenten, lebendigen Darstellung zur Aufführung zu bringen. Unter seiner Leitung erklangen in den letzten Jahren neben den großen Werken Bachs Schumanns Faustszenen, Haydns Jahreszeiten oder das Verdi-Requiem.

Er erweiterte das Repertoire durch selten zu hörende Werke (etwa von Gustav Mahler oder Arthur Honegger) und erweckte Aufmerksamkeit durch kreative, ungewöhnliche Programmideen. Stilsicherheit, Klangfarbenreichtum und professioneller Umgang mit Intonation und rhythmischer Präzision kennzeichnen seine Arbeit mit der Singgemeinde.